Interessanterweise gibt es zu dieser Tour fast keine Radreiseberichte. Lediglich Mike Vermeulen hat den Teil der Strecke in Victoria befahren, ist bei Cann River dann aber ins Inland Richtung Canberra abgebogen. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, meinen Bericht zu der gar nicht so aufregend klingenden Tour einzustellen. Aus meinem Tagebuch werden die Beschreibungen der einzelnen Etappen auf den entsprechenden Seiten noch ergänzt werden.
In Sydney hatte ich vor allem Probleme mit der Orientierung. Gepaart mit Jetlag wurde die Campingplatzsuche am ersten Abend ein ziemliches Desaster. Sicherlich hat Sydney eine erstklassige Palette an Highlights zu bieten, aber als Radler sollte man nicht vergessen: es ist eine Weltstadt mit riesigen Ausmassen und erheblichem Andrang. Ausserhalb des Zentrums ist der grösste Teil einfach nur bebaut, ohne Charakter und besondere Ausstrahlung, und von einem verwirrenden Netz aus vierspurigen Strassen durchzogen, die zum radeln entschieden zu stark befahren und für den Nicht-Einheimischen entschieden zu schlecht beschildert sind.
Ganz anders dagegen Melbourne. Nach der nächtlichen Zugfahrt von Sydney war ich trotz des Empfangs im Regen positiv überrascht von dem eher lässigen Flair der Großstadt. Und auch die Orientierung fiel mir leichter. Wenn man die Waterfront erreicht hat, kann man sich einen guten Überblick verschaffen und hat zudem für diverse Kilometer den Luxus eines Radweges unter den Pedalen. Und so startete ich meine erste Etappe nach Frankston. Hinter dem Ort erreicht man auf der Anhöhe bald den Campinglatz und hat damit den geschlossen bebauten Bereich des Grossraums Melbourne hinter sich gelassen.
Dieser Unterschied zwischen dem hektischen Sydney und dem eher entspannten Melbourne spiegelte sich auf der gesamten Tour auch zwischen New South Wales und Victoria wider.
Meine Tour kam nun ins Rollen, per Boot ging es hinüber nach Phillip Island, danach folgten bei Wonthaggi die ersten Hügel, und auf den langen Geraden zwischen Yarram, Sale und Bairnsdale fühlte ich mich fast schon wie im Outback. Auch frisch ausgebrannte Eukalyptus-Wälder gab es hier zu sehen. Insgesamt war es in Victoria aber sehr ruhig und entspannt. Auf der Route von Orbost über Cann River nach Eden und Merimbula wird es dann sehr hügelig. Man kann im übrigen ziemlich sicher davon ausgehen, in jedem grösseren Ort einen Campingplatz zu finden, auch wenn diese im Campingverzeichnis nicht immer aufgelistet sind.
Nach dem Erreichen von New South Wales ereilte mich auf dem Weg nach Eden ein leichter Schwächeanfall. Ohne Lebensmittelvorräte, bei über 40 Grad auf heissem Asphalt, nur mit einer Wasserflasche mit ebenso warmem Inhalt ausgestattet, hatte ich zum erstenmal überhaupt das Gefühl, gleich umzukippen, wenn ich nicht sofort anhalte. Die letzten Flocken meines Müslis haben mich dann soweit wieder aufgepäppelt, dass ich das nächste Roadhouse erreichte.
Die Küstenstrecke in New South Wales hält, was sie verspricht. Schöne Buchten und traumhafte Strände in grosser Anzahl sind direkt erreichbar, und im Inland sieht man das Grüne Australien, keine Spur von Outback. Besonders angetan hat es mir Merimbula mit seiner riesengrossen Lagune. Beim Radeln muss man sich auf viel Auf und Ab einstellen, gerade im südlichen Abschnitt finden sich viele kurze, aber steile Anstiege. Auch muss man sich auf eine aggressivere Fahrweise der Autofahrer einstellen, als man sie in Victoria antrifft. Besonders drastisch war der Vorfall, als ich von einer geöffneten vollen Wasserflasche am Arm getroffen wurde, die mir offenbar aus einem mich überholenden Auto entgegengeschleudert wurde - das hätte in der langen Schlange, die mich gerade passierte, auch böse enden können.
Die letzte Etappe von Wollongong nach Sydney war dann der Höhepunkt der Tour, sowohl landschaftlich als auch vom Schwierigkeitsgrad. Die Blue Mountains treffen hier unmittelbar auf die Küste, was der Radler in einem brutalen Anstieg hinter Stanwell Park nachvollzieht: es geht bis ganz oben hinauf. Dafür bieten sich auf dem gesamten Streckenabschnitt atemberaubende Ausblicke. Auf der nachfolgenden Fahrt durch den Royal National Park nach Bundeena sollte man ausreichend Verpflegung mitnehmen, die Strecke zieht sich und beinhaltet nochmals mehrere lange Anstiege. Am Ende geht es durch sehr trockenes und schattenloses Buschland, was in der prallen Sonne sehr auszehrend ist. In Bundeena kann man mit der Fähre nach Sydney übersetzen. Dort habe ich im Gewimmel der 4spurigen Strassen prompt wieder die Orientierung verloren. Mit Hilfe der Einheimischen fand ich aber schliesslich zu meinem Ausgangspunkt in der Botany Bay zurück.
Das Fazit dieser Tour: durchaus reizvoll, aber zu dieser Jahreszeit für mich zu heiss - obwohl ich in der eher temperierten Zone unterwegs war. Ausserdem herrschte in New South Wales und besonders in Sydney zuviel Verkehr, und teuer ist es auch. Unweigerlich kommt der Vergleich mit Neuseeland auf, daran kommt Australien in meinen Augen nicht heran. Australien ist ein sehr rauher Kontinent, man muss sich darauf einstellen, ausserhalb seiner Komfortzone zu radeln. Lange, teils eintönige und in der Hitze auszehrende Streckenabschnitte sind häufig anzutreffen, besonders wenn man auch das Hinterland erkunden möchte. Aber dafür gibt es immer neue Routen zu entdecken, dafür sorgt allein schon die Grösse dieses Kontinents.
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